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Klimawandel und Naturschutz in NRW

Klimawandel und Naturschutz in NRW

Niederrhein

Von dem Klimawandel ist auch der Rhein betroffen. Seine mittleren Wassertemperaturen stiegen in den letzten Jahren um 1,3 Grad.

In Zeiten aufgeregter, teilweise hysterischer Berichterstattung scheint der Klimawandel in zunehmenden Maße die Funktion eines sozialen Konstrukts zu übernehmen. Mehr und mehr wird dieses Konstrukt zum Abbild unserer vagen Zukunftsängste, immer weiter scheinen wissenschaftliche Argumente und nüchterne Analyse in den Hintergrund alltäglichen Medienwahns zu rücken.

All dies könnte man leichtfertig als typische Entwicklung einer sich immer schneller drehenden Nachrichtenspirale abtun. Jedoch ist, angesichts der vorliegenden Klimaprojektionen, eine besonnene Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen in allen gesellschaftlichen Bereichen dringend anzuraten und obendrein auch unausweichlich. Auch und gerade der Naturschutz wird sich mit dem Klimawandel, der neben und mit der Natur auch seine bisherige Arbeit und sein Selbstverständnis berührt, beschäftigen müssen.

Die Zahlen sind bekannt

Grafik Vegetationsbeginn

Kartendarstellungen des Beginns der Vegetationsperiode im Klima der Gegenwart (1951-2000) und im regionalen Szenario (2046-2055). Einheit: Tag im Jahr. Quelle: Fortschreibung der Klimaszenarien für NRW, 2006

In zwei Studien (Klimastudie NRW 2004; Fortschreibung 2006) wurden die Ergebnisse globaler Klimaprojektionen für NRW regionalisiert und bis zum Jahr 2055 berechnet. Die Daten sollen für Nordrhein-Westfalen noch einmal kurz zusammengefasst werden:

Es wird von einer weiteren Erhöhung der Lufttemperatur in der Region um Köln und am Niederrhein um bis zu 2 Grad bis 2055 ausgegangen. Für die übrigen Regionen NRWs werden höhere Werte um 1,5-2 Grad erwartet. Allgemein wird mit vermehrten Niederschlägen im Winter und einer Abnahme der Niederschläge im Sommer gerechnet, allerdings mit einer stark ausgeprägten regionalen Differenzierung. So wird eine prozentuale Erhöhung der Frühjahrsniederschläge (bezogen auf die Periode 1951-2000) in Westfalen um +20% genannt, während sie in der Nordeifel nur um +6% betragen soll. Für den Rhein und die anderen Flüsse NRWs wird mit einer Zunahme der Wasserabfuhr und damit auch der Hochwassergefahr im Winter gerechnet.

Auch Beginn und Dauer der Vegetationsperiode werden sich mit unterschiedlicher regionaler Ausprägung verändern. Bis 2055 wird mit einem stellenweise um 14 Tage früheren Beginn gerechnet.

Als letzter Punkt sei noch das künftig häufigere Auftreten von sogenannten Ereignistagen (Sommer-, Tropentage, Starkregentage usw.) angeführt. Im Schnitt wird zum Beispiel für Sommertage (Tmax > 25,0°C) mit einer Zunahme um etwa 20 Tage und für Frosttage (Tmin < 0,0°C) mit einer Abnahme um die gleiche Anzahl gerechnet.

Birken im Moor

Moore sind riesige Kohlenstoffspeicher. In einem Hektar sind bis zu 1375 t C gespeichert.

Auswirkungen auf Pflanzen, Tiere, Lebensräume

Viele Tier- und Pflanzenarten verschieben bereits heute wahrnehmbar die Grenzen ihrer Lebensräume. Die Tendenzen weisen auf eine Arealerweiterung in Richtung Norden, was z.B. für Gottesanbeterin und Stechpalme festgestellt wurde, und einen Rückzug in höhere Lagen hin. Für Mitteleuropa wird angenommen, dass bis 2050 durchschnittlich ein Drittel der höheren Pflanzenarten nicht "stabil" bleiben wird.

Welche Arten betroffen sein werden und in welchem Ausmaß, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. In NRW und anderswo scheinen jedoch besonders jene Arten gefährdet, die auf bestimmte Sonderlebensräume angewiesen, oder hochspezialisiert sind. Vor allem in Verbindung mit einer Uniformierung der Landschaft, werden diese Veränderungen jedoch für viele Generalisten, d.h. für Arten, die sich in vielen Lebensräumen zurechtfinden, von Vorteil sein. Und auch für eine in Deutschland bisher sehr seltene, wärmeliebende Art wie dem Bienenfresser könnte der Klimawandel eine Chance darstellen.

Verhaltensänderungen sind bei Zugvögeln auch heute schon zu beobachten. So werden zum Beispiel die zunehmenden Überwinterungszahlen von Kurzziehern wie Kiebitz, Singdrossel und Hausrotschwanz in direkte Verbindung mit den vermehrt milden Wintern gebracht.

Aber auch Pflanzen zeigen inzwischen einen viel früheren Blühbeginn als dies vor fünfzig Jahren der Fall war. Der Beginn der Apfelblüte hat sich für NRW im Zeitraum 1991-2005 im Vergleich zum Zeitraum 1961-1990 bereits um zehn Tage nach vorn verschoben und wird sich in den nächsten fünfzig Jahren wohl noch einmal um den gleichen Betrag verändern.

Heimischen Arten, die zum Beispiel von milderen Wintern profitieren, werden wohl zunehmen können. Die Anzahl der in der ökologischen Flächenstichprobe für NRW erfassten Brutreviere des Grünspechts hat sich von 1999 bis 2006 von 2.000 auf 12.700 mehr als versechsfacht. Auch diese Entwicklung wird mit zunehmend milden Wintern erklärt.

Auf die komplexen Auswirkungen von Neobiota auf Lebensgemeinschaften in NRW ist auch in "Naturschutz NRW" bereits hingewiesen worden, man denke nur an Herkulesstaude oder spätblühende Traubenkirsche. Der Klimawandel wird bei vielen dieser Arten die Wahrscheinlichkeit einer Etablierung erhöhen.

Arbeitseinsatz

Auswirkungen auf Arbeit und Selbstverständnis des Naturschutzes

Die beschriebenen Entwicklungen werden auch in den Regionen NRW´s Spuren hinterlassen und haben natürlich auch für den unmittelbar betroffenen Naturschutz Konsequenzen. Diese sind aber, aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und Tragweite, bisher sowohl qualitativ als auch quantitativ nur unzureichend abschätzbar und vor allem nicht auf eine regionale oder gar lokale Ebene übertragbar. Man sollte mit entsprechender Vorsicht an kursierende Zukunftsszenarien herantreten. Gerade aber die Nicht-Vorhersagbarkeit der künftigen Entwicklungen mag ein Grund für die Verunsicherung sein, die der Klimawandel in der Gesellschaft und auch im Naturschutz hervorruft.

Trotzdem, oder gerade deshalb, darf dieser nicht in Schockstarre fallen, sondern sollte seinerseits Antworten formulieren. Der Klärungsbedarf auch auf Naturschutzseite ist global, aber auch regional, sehr groß, was nicht zuletzt auch durch die Vielzahl an Workshops, Vorträgen, Forschungsprojekten, die das Spannungsfeld Klimawandel und Naturschutz thematisieren, deutlich sichtbar wird. Der NABU beteiligt sich intensiv an dieser wichtigen Diskussion.

Wichtig, da der Naturschutz mit seinen traditionell eher konservierenden und statischen Leitbildern von den durch den Klimawandel verursachten Auswirkungen und dynamischen Veränderungen besonders betroffen sein wird. Die daraus folgenden Erschütterungen könnten also für Selbstverständnis und Arbeitsalltag des Naturschutzes erheblich sein.

Wie immer gibt es neben vielen Fragen nur wenige Antworten:
Werden nicht die theoretischen Klassifizierungen, mithilfe derer sich der Naturschutz bisher recht erfolgreich die Natur strukturiert hat, untergraben, wenn sich die Arealverschiebungen einer Vielzahl von Arten im vorhergesagten Maße vollziehen und die bisher typische Zusammensetzung bestimmter Lebensgemeinschaften nicht aufrecht erhalten werden kann? Die Beurteilung neu zusammengesetzter Lebensgemeinschaften dürfte aus naturschutzfachlicher Sicht mit fortschreitendem Klimawandel zunehmend schwieriger werden und die Frage stellt sich, ob zukünftig historische Ideale hierfür noch genug Orientierung liefern können oder ob man sich nicht zunehmend auch von dem vorhandenen qualitativen Zustand der Gemeinschaften wird leiten lassen müssen?

Die Erkenntnis, dass manche Arten mit speziellen, vom Klima abhängigen Ansprüchen, wohl nicht mehr zu halten sein werden, ist schmerzhaft und widerspricht sowohl bisherigen Anstrengungen und Ansprüchen des Naturschutzes, als auch internationalen Prioritäten.

In diesem Zusammenhang muss intensiv über unser heutiges Verständnis von Schutzgebieten und Schutzgebietssystemen, die vor allem zur Erhaltung und Bewahrung von bestimmten Arten und Lebensräumen errichtet wurden, nachgedacht werden. Werden sie in Zukunft den genannten Ansprüchen noch gerecht werden können?

Der Klimawandel ist ein gesamtgesellschaftliches Problem mit teilweise tiefgreifende Auswirkungen auf viele Bereiche. Die sich entwickelnden Prozesse müssen vom Naturschutz aufmerksam und mit Weitblick verfolgt werden, um im Falle von Fehlentwicklungen rechtzeitig Stellung beziehen zu können. Dies ist auch deshalb dringend nötig, weil z.B. in der Forst- und Landwirtschaft, die Diskussionen um Anpassungsmaßnahmen schon voll entbrannt sind.

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